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Mexiko – Mayas, Mythen und Meer

Reiselust | 18. August 2026

Natur, Kultur und Kulinarik: Die vielfältigen Facetten von Mexiko

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„Hola, bienvenido“ begrüßt uns Elisa in der Oktoberhitze vor dem Flughafen Cancun. Nach zehn Stunden Flug haben wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen, Sonne auf der Haut und die ansteckende Fröhlichkeit der Mexikaner sorgt für ein Übriges. Elisa hat Guapo an der Leine, einen ehemaligen Straßenhund, der bei ihr ein neues Zuhause gefunden hat. Um dem ebenso struppigen wie leidgeprüften Tier neues Selbstvertrauen zu geben, hat sie ihn „der Hübsche“ (El Guapo) genannt. Kaum haben wir in Elisas gemütlichem Airbnb den Jetlag kuriert, beginnt das kulturelle Abenteuer kulinarisch in der Küche. Es gibt schwarze Bohnensuppe mit einem Spritzer Limettensaft. Das Vitamin C soll die Eisenaufnahme ermöglichen, erklärt Elisa, während sie uns die leckere Suppe serviert und sich Guapo zufrieden unter dem Tisch zusammengerollt hat. Mit den Überresten eines längst vergessenen Sprachkurses, Google Translate und jeder Menge beschreibender Gesten überwinden wir die deutsch/englisch/spanische Sprachbarriere. Mithilfe unseres hochprozentigen Schnapssouvenirs lernt die Mexikanerin ein paar deutsche Sätze und wir scrollen uns durch unzählige Fotos und wissen im Handumdrehen bestens über Tochter und Enkel Bescheid. Letzterer begleitet uns am nächsten Tag auch beim Strandausflug. Denn auch wenn Cancun nur der Startpunkt für unsere Erkundung des mexikanischen Teils der Halbinsel Yucatán sein soll, besteht Elisa auf einen Trip zu ihrem Lieblingsstrand. Ein paar Busfahrten später planschen wir im Schatten eines Hotelkomplexes im türkisblauen Wasser, während sich am Horizont die Isla Mujeres (Insel der Frauen) abzeichnet, unser nächstes Ziel.

Am nächsten Morgen heißt es schon wieder Adios, als wir uns von Elisa und Guapo verabschieden und am Pier in der Hotelzone die Fähre zur Fraueninsel besteigen. Diese hat ihren Namen von der Maya-Göttin Ixchel, die dort mit einem Heiligtum verehrt wurde. Die Gischt spritzt an die Fenster, während die Fähre durch das blau-grün glitzernde Wasser pflügt: Was für Farben! Nur eine knappe halbe Stunde später legen wir bereits an der tropischen Karibikinsel an, die sich vom beschaulichen Geheimtipp zu einer populären Urlaubsdestination entwickelt hat. Mit Leihfahrrädern von unserem Airbnb-Gastgeber erkunden wir die nur etwa sieben Kilometer lange und rund 650 Meter breite Insel. Dabei fällt es schwer, einen freien Strandzugang zu ergattern, der nicht mit einer Hotelanlage, einem Restaurant oder Café verbunden ist. Kein Vergleich zu unserem Besuch von vor 30 Jahren…Also kombinieren wir unser erfrischendes Bad im karibischen Meer einfach mit einem leckeren Cocktail. Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen. Denn Ixchels Tempel in Punta Sur besticht nicht nur mit einem außergewöhnlichen Skulpturengarten, er befindet sich auch am östlichsten Punkt Mexikos. Um halb 6 Uhr ist die Nacht für uns zu Ende. Denn wie viele andere Touristen auch, wollen wir uns die ersten Sonnenstrahlen, die mexikanischen Boden berühren, nicht entgehen lassen. Spektakulär auf einer Meeresklippe gelegen, sind die Überreste von Ixchels Tempel der ideale Aussichtspunkt für diesen besonderen Sonnenaufgang.

Nach zwei Tagen Fraueninsel zieht es uns zum Festland zurück. Nach einem kurzen Stopp in Playa del Carmen, das sich vor allem durch massentaugliche Strände und auf Touristen ausgerichtete Shopping- und Gastroangebote auszeichnet, steht Tulum auf dem Reiseplan. Wir bleiben unserer Vorliebe für ausgefallene Unterkünfte treu und buchen uns im Tubo Tulum ein, wo sich die „Zimmer“, die halbkreisförmig um einen kleinen tropischen Garten angelegt sind, als originelle Kreuzung aus Betonröhre, Weinfass und Hobbit-Höhle entpuppen. Auch hier setzen wir aufs Fahrrad als Fortbewegungsmittel unserer Wahl und erkunden das hippe Städtchen mit Boutiquen, Cafés und Restaurants. Ein paar Seitenstraßen abseits der Haupttouristenmeile finden wir eine kleine Taqueria und freuen uns über köstliche Tacos und Tamales, gefüllte Maisteigtaschen, die in Pflanzenblätter geschnürt gedämpft werden: Hmmm, delicioso!

Am nächsten Morgen heißt es wieder früh aufstehen, die örtlichen Maya-Ruinen stehen auf dem Programm und wir wollen Hitze und Touristenschwärme möglichst vermeiden. Wieder schwingen wir uns auf unsere Drahtesel und steuern gen Strand. Denn die gut erhaltenen Überreste in Tulum sind Zeugen der einzigen Maya-Stadt in Mexiko, die am Meer errichtet wurde. Auf einer imposanten rund zwölf Meter hohen Sandsteinklippe thronen die 60 Bauwerke, eingerahmt vom türkisblauen Ozean. Während wir über das weitläufige Gelände schlendern und die beeindruckenden Relikte der Maya-Kultur bewundern, werden wir immer wieder mit ihren heutigen Bewohnern, äußerst fotogenen Iguanas, konfrontiert, die mit den Ruinen um das beste Fotomotiv buhlen. Danach lädt der traumhafte Strand in unmittelbarer Nähe zu einer verdienten Abkühlung ein.

Da wir dem türkisblauen Wasser einfach nicht überdrüssig werden, zieht es uns nach Bacalar. Etwa drei Stunden dauert die Reise gen Süden an die Grenze zu Belize mit dem ADO-Bus. Der (noch) beschauliche Ort ist vor allem für zwei Besonderheiten bekannt: Die Lagune der sieben Farben und die Stromatolithen. Wir haben Glück und das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und die 42 Kilometer lange Lagune in ihren schillerndsten Farben. Ihre verschiedenen Blau- und Türkistöne verdankt sie unterschiedlichen Wassertiefen und der Speisung aus sieben Cenoten, den für Yucatán so typischen Unterwasserhöhlen. Am besten lässt sich das blaue Wunder per Schiff erkunden mit zahlreichen Schnorchel- und Schwimmstopps. Wir lassen den Tag stilecht im La Playita ausklingen. Das gemütliche Restaurant liegt direkt an der Lagune und so schlemmen wir uns mit Seeblick durch leckere Quesadillas, Burritos und Tostadas.

Am nächsten Tag stehen die Estromatolitos (Stromatolithen) auf dem Programm. Was auf den ersten Blick wie ein unscheinbarer Stein ausschaut ist in Wirklichkeit ein Wunderwerk der Natur. Seit rund 3,5 Milliarden Jahren sorgen die Mikroorganismen für Sauerstoff und sind somit am Ursprung allen Lebens maßgeblich beteiligt. Kein Wunder, dass Bacalar 2006 zum „Pueblo Magico“ (Magischer Ort) ausgezeichnet wurde. Mit gebührendem Abstand zu den hart arbeitenden Wundersteinen frohlocken wir im hüfthohen glasklaren Wasser, lassen die Seele in einer Wasserhängematte baumeln und verewigen die einzigartige Landschaft in instagrammwürdigen Aufnahmen auf der Schaukelanlage in der übertürkisblauen Lagune.

Getreu unseres bewährten Reise-Rhythmus‘ Kultur-Natur arbeiten wir uns langsam ins Landesinnere Richtung Chichén Itzá vor. Unser letzter Stopp vor der legendären Maya-Stätte lautet Valladolid, ein kleines Städtchen mit großem Flair. Der Ortskern besticht vor allem durch die fotogene Kathedrale direkt am Hauptplatz. Auf den zahlreichen Bänken und Stühlen kann man die ein oder andere unterhaltsame Stunde damit verbringen, das lebhafte Treiben zu verfolgen. Wir haben besonderes Glück und werden Zeuge einer feierlichen Prozession. In traditioneller blütenweißer Kleidung mit farbenfrohen Blumenmotiven ziehen behütete Männer und Frauen mit üppigem Schmuck und Blumen im Haar zu Musik durch die mit Wimpeln geschmückten Straßen: Ein wahrer Augenschmaus.

Ein weiteres Highlight der rund 50.000 Einwohner starken Kleinstadt ist die Cenote Zaci nur acht Gehminuten von der Plaza entfernt. Nachdem wir den Eintritt bezahlt haben, führt uns eine Treppe hinunter zu der beeindruckenden, mit Wasser gefüllten, offen Höhle. Auf den teils bewachsenen Karststeinen sind vereinzelte Handtücher zu sehen, Sonnenanbeter fangen zwischen ein paar Schwimmrunden die Sonnenstrahlen ein, die den Weg in die Höhle finden, während andere vom Rand in das rund 30 Meter tiefe blaugrüne Nass springen. Wir sind extra früh gekommen, um noch ein schönes Plätzchen zu ergattern und dem Touristenstrom zu entgehen. Der Plan geht auf. Mit nur wenig anderen Besuchern lassen wir uns im kühlen Süßwasser treiben und genießen die einzigartige Atmosphäre des natürlichen Höhlenschwimmbads. Den Abend gestalten wir visuell ebenso spektakulär mit einer Lichtshow am Convent de San Bernardino de Siena. In verschiedenen Sprachen wird dort mittels Projektionen die wechselvolle Geschichte der Stadt erzählt.

Nach drei Tagen Valladolid wird es Zeit für eine unserer Hauptattraktionen, Chichén Itzá. Die präkolumbianische Ruinenstätte zieht jedes Jahr Millionen von Besuchern auf das weitläufige Gelände, in dessen Mittelpunkt die beeindruckende Kukulcán-Pyramide thront. Diese ist dem gleichnamigen Gott, einer gefiederten Schlange, gewidmet, was sich auch in den überdimensionalen Schlangenkopfskulpturen am Fuße der nördlichen Treppe der Pyramide widerspiegelt. Das Bauwerk wurde von den spanischen Eroberern „El Castillo“ genannt und hat ein geheimes Innenleben: Eine überbaute Pyramide mit einem roten Jaguar-Thron mit grünen Jadesteinen und einem Chac Mool, einer steinernen Opferfigur.

Die neuere Pyramide mit Tempelaufsatz wird auf 1050 bis 1300 nach Christus datiert und besticht durch seine architektonische Kreativität und exakte astronomische Ausrichtung, in der sich die Maya Kalenderkultur wiederfindet. So ergibt die Gesamtsumme der Treppenstufen an allen vier Seiten plus der obersten Plattform 365, gemäß der Tage im Maya-Sonnenjahr. Zwei Mal im Jahr kommen Besucher in Chichén Itzá außerdem in den Genuss eines ganz besonderen Schauspiels, wenn einfallende Sonnenstrahlen zur Tag-und-Nacht-Gleiche im März und September für die optische Illusion einer die Treppen heruntergleitenden Schlange sorgen, die symbolische Rückkehr des Gottes Kukulcán zur Erde. Tausende zieht es für dieses Spektakel zur majestätischen Tempelpyramide, viele tragen zeremonielles Weiß, erhoffen sich spirituelle Aufladung.

Um das Unesco-Weltkulturerbe außerhalb der Tag-und-Nacht-Gleiche möglichst ausgiebig erkunden zu können, mieten wir uns im unmittelbar angrenzenden Mayaland ein. Vom Badezimmer aus haben wir nicht nur direkten Blick auf das Observatorium der Mayastätte und werden beim abendlichen Spaziergang durch die prächtige Hotelanlage von einem Pfau begleitet, im dunkelblauen Abendhimmel zeichnet sich zudem die imposante Silhouette der Kukulcán-Pyramide ab. Unsere Vorfreude wächst, denn schon morgen werden wir die beeindruckende Maya-Kultstätte, die vermutlich als Lehrstätte für Wissenschaften wie Mathematik, Geometrie, Astronomie und Medizin, aber auch Kunst und Religion gebaut wurde, aus nächster Nähe erleben. Dafür haben wir die Sunrise-Tour für 4 Uhr morgens gebucht, will heißen: Wieder mal früh aufstehen. Doch das gefühlt mitternächtliche Aufstehen hat sich gelohnt. Vor Sonnenaufgang und dem Einlass der Touristen sowie den unzähligen Händlern, die lautstark Souvenirs feilbieten, liegt eine mystische Stille über der eindrucksvollen Ruinenstadt, die zu den neuen sieben Weltwundern gehört. Mit unsere Guide Heimi schlendern wir über das weitläufige Areal und lernen nicht nur die Funktion der einzelnen Bauwerken kennen, sondern stoßen auch auf ein ehemaliges Pok-ta-Pok-Feld. Ziel des Ballspiels, das von indigenen Kulturen wie den Mayas gespielt wurde, war, einen Kautschukball ausschließlich mit Hüfte, Knie oder Ellenbogen durch einen Steinring zu befördern. Dispute und sogar Kriege sollen durch das Spiel damals beigelegt worden sein. Der Legende nach wurden die Sieger allerdings den Göttern geopfert, was als höchste Ehre galt. Der 3000 Jahre alte Vorgänger des modernen Fußballs wurde sogar 2006 bei der WM in Deutschland von einer mexikanischen Pok-ta-Pok-Gruppe präsentiert – allerdings ohne das blutige Finale.

Von der Spielkunst der antiken Athleten können wir uns ein paar Tage später in Merida selbst überzeugen. Bei den Feierlichkeiten zum Dia de los muertos (Tag der Toten), an dem die Mexikaner volksfestartig die Rückkehr ihrer verstorbenen Verwandten für einen Tag feiern, präsentieren lokale Pok-ta-pok-Spieler ihr Talent, stimmungsvoll in Szene gesetzt von dramatischer Illumination. Passend zum Anlass haben sie nicht nur ihr Gesicht als Totenkopf, sondern den ganzen Körper im Knochenlook geschminkt. Spätestens seit dem Film Coco sind die weiß geschminkten Gesichter mit aufwendigen Applikationen im Totenkopfdesign das Wahrzeichen des farbenfrohen und symbolträchtigen mexikanischen Festes, das traditionell vom 31. Oktober bis 2. November gefeiert wird. La Catrina, ein Frauenskelett mit eleganter Kleidung und großem Hut, ist dabei das wohl bekannteste Symbol und versteht sich neben der Verkörperung des Todes auch als Gesellschaftskritik an denjenigen, die ihre indigene Herkunft verleugneten, sich mit europäischer Mode schmückten und für etwas Besseres hielten. Die Botschaft hinter La Catrina: Im Tod sind wir alle gleich.

Und wenn einer den Tod als Teil des Lebens feiern kann, dann sind es die Mexikaner. Schon Wochen vor dem Dia de los muertos werden erste Vorbereitungen für die temporäre Rückkehr der Seelen von Freunden und Verwandten getroffen. Auf dem Friedhof herrscht reges Treiben. Gräber werden herausgeputzt, mit farbenfrohen Blumen geschmückt und persönlichen Geschenken versehen. Bei einem Spaziergang über den örtlichen Friedhof finden wir so manch originelles Geschenk, wie beispielsweise Tamales und Einwegrasierer. In den Straßen sehen wir immer wieder Altäre mit Bildern von Verstorbenen sowie Opfergaben wie frische Früchte – und auch Kreuze. So scheinen die Grenzen zwischen dem traditionellen Fest der präkolumbianischen Kultur und dem durch Kolonialherren mitgebrachten christlichen Glauben zu verschmelzen.

Beim allgegenwärtigen Blumenschmuck setzt die Ringelblume übrigens nicht nur einen farbenfrohen Akzent, sondern hat auch eine tiefere Bedeutung. Als „Flor de muertos“ (Blume des Todes) sollen die leuchtende Farbe und der intensive Geruch der Blume, in der Landessprache als Chempasúchil bekannt, die Geister anziehen und für die Toten als Wegweiser zu den Altären dienen.

Uns ziehen vor allen die zahlreichen Feierlichkeiten, die an jeder Straßenecke zu hören und sehen sind, an, und schon bald finden wir uns inmitten eines groß angelegten Festes mit Tanz- und Gesangsdarbietungen im La Catrina-Stil. Besonderes Highlight: Hier kann sich jeder für eine Nacht in das mexikanische Wahrzeichen verwandeln. Lange Schlangen vor den Schminkkünstlern verdeutlichen die Beliebtheit des ausgefallenen Toten-Make-ups. Endlich sind wir an der Reihe. Nachdem wir mit einer großflächigen, weißen Grundierung jedem Clown beziehungsweise französischen Mimen alle Ehre gemacht hätten, geht es an die kleinen, aber feinen Details: Skelettmerkmale wie Kieferknochen oder Nase werden schwarz markiert, die Mundpartie gestrichelt und die schwarz umrandeten Augenhöhlen mit farbenfrohen Blütenblättern umrankt. Dann noch ein Blume auf die Stirn und fertig ist La Catrina. Welch gute Arbeit die Schminkkünstler geleistet haben, sollen wir nach ausgiebigen Feierlichkeiten später in der Nacht bei der versuchten Gesichtswäsche herausfinden: Gut, dass der Dia de los muertos in Mexiko über mehrere Tage gefeiert wird…

Text: Sandra Fischer | Fotos: Sandra Fischer Video: Sandra Fischer

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