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Auf Entdeckungstour in Polen

Reiselust | 01. Oktober 2026

Barock, Bernstein und Boote

In Breslau bekommt der Begriff Zwergenaufstand eine völlig andere Bedeutung. Denn neben historischen Gebäuden und exquisiten Kunstwerken hat die polnische Stadt, die in der Landessprache Wroclaw heißt und Vrotzwaf ausgesprochen wird, eine ungewöhnliche Touristenattraktion, beziehungsweise mehrere Hundert: Die Breslauer Bronzezwerge. Die putzigen Hingucker sind nicht nur beliebte Fotomotive und verleiten zu ausgiebigen Stadterkundungen, sie haben auch eine interessante Entstehungsgeschichte, die in den 1980er-Jahren beginnt. Orange Alternative hieß die oppositionelle, künstlerische Bewegung, die sich dem Kommunismus mit Zwergen widersetzte und Farbflächen, mit denen regierungskritische Parolen überdeckt wurden, mit eben jenen Zipfelmützen tragenden „Wrocławskie krasnale“ verzierte. 1982 erschienen die ersten Zwergen-Graffiti als humorvolles Symbol des Widerstands, 1988 folgte ein Zwergenmarsch mit tausenden von Menschen, die mit orangefarbenen Zipfelmützen durch die Straßen von Breslau zogen und 2001 wurde der friedlichen antikommunistischen Bewegung mit dem bronzenen Papa Zwerg ein Denkmal gesetzt. Inzwischen kann sich „Papa Krasnal“ über Hunderte von Mitzwergen freuen, wobei niemand die genaue Zahl zu kennen scheint. Mal ist von 300 die Rede, dann wieder von 600 bis 700, andere schätzen die Schar der Breslauer Zwerge inzwischen auf mehr als 1000…Da hilft nur die Stadt ausgiebig erkunden und selbst zählen…

Also machen wir uns auf die Suche und werden besonders rund um den Stadtkern fündig. Hierbei weiß man gar nicht, was man zuerst fotografieren soll, die historischen Häuserfassaden, die sich gegenseitig mit prächtigen Farben und detailreichen Verzierungen übertreffen, wie beispielsweise das Alte Rathaus im gotischen Stil. Oder die etwa 30 Zentimeter hohen Fabelwesen, die vor Geschäften, auf Fensterbänken, Brunnen, Bänken, öffentlichen Gebäuden und Plätzen darauf warten entdeckt zu werden. Der etwas außergewöhnliche Stadtspaziergang ist dabei ein Spaß für die ganze Familie und animiert vor allem die kleinen Besucher, die Breslauer Straßen und Plätze zu erkunden. In der Tourist-Info gibt es Zwergenkarten mit den Standorten der Stadtwahrzeichen und auch Apps haben sich der Breslauer Zwergenjagd gewidmet und verteilen Punkte für jeden gefundenen Zipfelmützenträger.

Während einige der Bronzeskulpturen mit ihren Attributen und Aktivitäten auf ihre unmittelbare Umgebung hindeuten und Eistüten vor einem Gelato-Laden feilbieten, vor einem Hotel einen Kofferwagen schieben, mit schmerzendem Kopf auf eine Apotheke zugehen oder in Literatur versunken vor einer Buchhandlung sitzen, haben sich andere Zwerge gesellschaftspolitischen Themen verschrieben und fordern beispielsweise das Wahlrecht für Frauen oder stellen mit einem im Rollstuhl sitzenden Zwerg einen Fanclub für beeinträchtigte Menschen dar. Andere Zwerge sind polnischen Persönlichkeiten gewidmet wie Leszek Cichoński, Musiker und Gründer des „Thanks Jimi-Festivals“, das jährlich Tausende Musikfans und vor allem Gitarristen nach Breslau zieht, um dort den Weltrekord im gemeinsamen Spielen von Jimi Hendrix‘ Hit „Hey Joe“ zu brechen.

Der feine Humor, der sich in den bronzefarbenen Denkmählern des stillen Protests widerspiegelt, ist auch anderorts in der Stadt zu finden. So zum Beispiel im Kreuzigungsset zum Selberbauen, ein Werk des Künstlers Eugeniusz Get-Stankiewicz mit dem provokanten Titel „Do it yourself“. Pikanterweise befindet sich das semi-klerikale Kunstwerk an einer Hauswand direkt gegenüber der St. Elisabethkirche. Ebenfalls in unmittelbarer Nähe des fast schon blasphemisch anmutenden Oeuvre sind die Hänsel- und Gretelhäuser, zwei schmale Gebäude, die durch einen Torbogen verbunden sind oder wie es so schön heißt „Händchen halten“.

Getreu Breslaus Art, gesellschaftspolitische Themen künstlerisch aufzuarbeiten, bieten 14 Bronzefiguren der außergewöhnlichen Installation „Anonyme Passanten“ an der Kreuzung Świdnicka- und Piłsudskiego-Straße verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Während auf der einen Seite der Straße sieben Figuren nach und nach im Asphalt untertauchen und verschwinden, steigen sieben weitere Figuren auf der anderen Straßenseite aus dem Asphalt auf. Die beklemmende Szene besticht vor allem durch die Detailtreue der Figuren und ihrer Kleidung. So echt wirken der in Falten gelegte Rock und die ausgebeulte Strickjacke, dass man statt Bronze mit Schmutz und Farbe überzogenen Stoff vermutet und glaubt in die offen getragene Handtasche greifen zu können. Das Werk geht zurück auf die Installation „Der Übergang“ von Jerzy Kalina aus dem Jahre 1977, das für ein Fernsehprogramm über zeitgenössische Kunst entstand. Das Original bestand damals aus Gipsfiguren, die in echte, mit grauer Farbe überzogene Stoffe gekleidet waren. Nachdem die Skulpturen in Warschau ausgestellt wurden, zogen sie nach Breslau und wurde dort 2005 als in Bronze gegossene Variante an besagter Straßenkreuzung installiert. Ihre Deutungsmöglichkeiten sind mannigfaltig. Während einige in ihr die Darstellung des grauen Alltagsleben während des Kommunismus sehen oder die bedrückende Realität der Zeit der Besetzung oder sie als Symbol dafür verstehen, wie Menschen einfach aus dem öffentlichen Leben verschwinden konnten, interpretieren andere die anonymen Passanten als Prophezeiung des Kriegsrechts, das nur vier Jahre später in 1981 eingeführt wurde und als Hommage an die anonymen Menschen, die den Kommunismus im Untergrund bekämpften. Passenderweise wurde die Installation am 24. Jahrestag der Verhängung des Kriegsrechts enthüllt. Wie auch immer man die beeindruckenden Skulpturen wahrnimmt, ein kurzer Stopp an der Kreuzung Świdnicka- und Piłsudskiego-Straße lohnt sich auf jeden Fall.

Und wer sich an Breslaus Bronzeskulpturen nicht sattsehen kann und zudem ein Herz für Tiere hat, dem sei ein Abstecher nach Stare Jatki zu empfehlen. In der historischen Gasse war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert die Fleischerzunft zuhause. Den zahlreichen Nutztieren, die dort ihr Leben lassen mussten, wurden mit Schweine-, Gänse-, Hasen-, Huhn-, Lamm- oder Ziegenfiguren ein Denkmal gesetzt. Statt Metzgereien säumen nun hippe Galerien und Boutiquen das ehemalige Fleischerviertel.

Noch weiter zurück in die kunstgeschichtliche Historie Breslaus führt uns die Universität Breslau, die ihren Betrieb 1702 aufnahm und damit zu einer der ältesten Unis in Mitteleuropa zählt und zahlreiche Nobelpreisträger hervorgebracht hat. Die Forschungsuniversität hat zwölf Fakultäten und besticht neben ihrem akademischen Angebot vor allem durch die imposante Fülle kunsthistorischer Schätze, die in der Aula Leopoldina und im Oratorium Marianum zu bewundern sind. Wir holen uns ein Kombiticket, das auch den Mathematischen Turm sowie das Museum beinhaltet und starten unsere Entdeckungsreise im Oratorium Marianum, einem prunkvoll geschmückten barocken Festsaal, der 1733 eingeweiht wurde. Bis 1802 diente er als Kirche, dann als Universitätsbibliothek und ab 1815 als Musiksaal, in dem unter anderem solch berühmten Künstler wie Liszt, Rubinstein und Brahms konzertierten. Während des Krieges wurde der Saal durch Bombenangriffe schwer beschädigt und fortan für militärische Zwecke genutzt. Erst 1985 bis 1993 wurde er wieder in seiner barocken Herrlichkeit hergestellt und 1997 neu eingeweiht. Das pompöse Deckenfresko, das Szenen aus dem Leben von Maria darstellt, wurde 2013 und 2014 vom Maler Christoph Wetzel aufwändig rekonstruiert und ist ganz klar Blickfang des prunkvollen Saals, der neben den farbenfrohen Fresken mit güldenen Applikationen und detailreich verzierten Säulen aufwarten kann. Die barocke Überdosis optischer Superlative findet ihren krönenden Höhepunkt im Altarraum mit einem imposanten goldenen Auge der Vorsehung, das die göttliche Dreifaltigkeit repräsentiert. Die linke Deckenfreske unter der Empore wartet zudem noch mit einem unvermuteten Hingucker auf, den man in der klerikalen Seriosität des Festsaals nicht vermutet hätte: Aus einem Bildnis von Maria als Meeresstern, der Fehlbaren und Stürzenden beisteht, ragt eine dreidimensionale Hand raus, die sich am Rahmen festklammert.

Immer noch überwältigt von solch opulenter Pracht ist unsere nächste Station die Dauerausstellung der Universität, die einen Überblick über „Wissenschaft und Lehre an der Universität Breslau 1702–2012″ gibt. Zwischen noblen Roben mit Hermelinkragen und Brokatsäumen, wissenschaftlichen Instrumenten, historischen Erdkugel-Modellen und medizinisch-anatomischen Lehrmodellen finden sich auch solch verstörende Relikte dunkler Zeiten wie Augenfarben- und Haarfarbentafeln aus der Rassenlehre. Wir lassen das düstere  Kapitel der Geschichte schnell hinter uns und lenken unsere Schritte einen Stock höher zur Aula Leopoldina, einem der imposantesten Barocksäle Polens, der dem Prunk des Oratoriums in nichts nachsteht. Wieder sind wir anhand der Fülle an farbintensiven Fresken, Skulpturen und reich verzierten Säulen mit einer gehörigen Portion Gold optisch erst einmal völlig überfordert. Gebaut wurde die Aula 1728 bis 1732 zu Ehren des Universitäts-Gründers, dem römisch-deutschen Kaiser Leopold I. und litt im Gegensatz zum Oratorium nicht unter Kriegsschäden. Um die zahlreichen Details der barocken Kunst zu erfassen, lassen wir uns auf einer der vergleichsweise schlichten Holzbänke nieder und sind immer wieder überwältigt von der schieren Masse kunsthistorischer Schätze.

Letzte Station unserer Tour durch die Universität ist der mathematische Turm, der einzige der drei geplanten barocken Türme, der realisiert wurde. Die einstige Sternwarte und meteorologisches Observatorium beherbergt nicht nur zahlreiche astronomische Ausstellungsstücke, sondern bietet auf der Aussichtsplattform in rund 40 Metern Höhe einen fantastischen Panoramablick über die Stadt an der Oder. Die vier Statuen der Terrasse symbolisieren dabei die akademische Disziplinen Theologie, Philosophie, Jura und Medizin.

Nach zwei Tagen Kunst und Kultur im Überfluss zieht es uns in die Natur, genauer gesagt zu einer Schifffahrt querfeldein. Mit dem Boot über Land? Richtig gelesen. Denn als Wunderwerk der Hydrotechnik des 19. Jahrhunderts bietet der Oberländer Kanal ein weltweit einzigartiges Erlebnis an – über See, Fluss, Kanal und eben Wiese. Wir starten unsere außergewöhnliche Grasschiff-Kreuzfahrt in Buczyniec, ungefähr eine Stunde südwestlich von Danzig. Während wir an der Anlegestelle auf unser Boot warten, werden wir schonmal Zeuge des einzigartigen Spektakels, das wir in den nächsten viereinhalb Stunden fünf Mal an Bord erleben werden. In der Ferne nähert sich das Personenschiff auf dem Kanal. Dieser ist jedoch nicht durchgängig, sondern von Wiesenstücken durchbrochen. Kein Problem für das Grasschiff. Rein von Wasserkraft angetrieben wird es auf Schienen die Landstrecke hochgezogen, bis sich das nächste Wasserstück anschließt. Ein Juwel der Wasserbaukunst, das der Personenschifffahrt erlaubt, verschiedene Wasserebenen zu verbinden und dabei knapp 100 Höhenmeter überwindet. Kein Wunder, dass es als  technisches Denkmal unter Denkmalschutz steht.

„Alle an Bord“ heißt es sogleich und kaum, dass wir auf dem Aussichtsdeck Platz genommen und das Schiff Fahrt aufgenommen hat, kommt auch schon Bewegung in die Mannschaft. Denn kurz bevor wir wie ein Quastenflosser aus dem Wasser an Land gehen, wird das Boot an einen Auflieger gekoppelt, welcher das Schiff links und rechts umschließt und dann über die Grasfläche gezogen wird. Sobald wir wieder Wasser unter dem Kiel haben, wird das Gerüst entkoppelt und wartet auf das nächste Boot, das einen Landausflug machen möchte – Technik, die begeistert! Während die entzückten Passagiere bei den ersten Querfeldeinfahrten noch filmen und fotografieren, was der Handyakku hergibt, sind wir spätestens bei Grasfahrt drei Profis und haben uns an das außergewöhnliche Fortbewegungsmittel gewöhnt. Zeit, die Natur zu genießen.

Malerische Felder und Wiesen ziehen an uns vorbei und nach fünf Grasfahrten über die Rollberge haben wir schließlich den Druzno-See erreicht, der sich vor allem durch seine reiche Vogelpopulation auszeichnet und zum Natura 2000-Schutzgebiet gehört, wie uns der mehrsprachige Audio-Guide über die Lautsprecheranlage informiert. Inzwischen ist es kühler geworden und wir haben uns unter Deck zurückgezogen. Während wir gemächlich über den relativ flachen See gleiten, entdecken wir durch die großformatigen Panoramafenster immer wieder Silberreiher und andere Wasservögeln auf der von Seerosen durchzogenen Wasseroberfläche – ein Eldorado für Ornithologen und Freizeit-Vogelliebhaber. Kaum haben wir den See überquert, steuern wir schon auf Elblaq zu, wo wir nach viereinhalb Stunden von Bord gehen. Doch noch ist unsere Reise nicht ganz zu Ende, denn das Auto steht ja noch in Buczyniec. Also tauschen wir Schiff gegen Shuttlebus und treten die Reise rückwärts wieder an – diesmal aber in rund 30 Minuten.

Wir setzen unsere Entdeckungsreise ungewöhnlicher Sehenswürdigkeiten in Mamerki in den Masuren fort. Dort steht nicht nur einer der am besten erhaltenen deutschen Bunkerkomplexe aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch eine Nachbildung des legendären Bernsteinzimmers, das auch nach seinem mysteriösen Verschwinden nichts von seiner Faszination verloren hat. Das achte Weltwunder wurde 1701 vom preußischen König Friedrich I. in Auftrag gegeben, 1716 von seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm I. in einem außergewöhnlichen Handel mit Russland gegen 250 groß gewachsene Soldaten getauscht und 1741 endlich von Zarin Elisabeth in den Winterpalast in St. Petersburg eingebaut. 1755 fand der Prunkraum mit Bernstein-, Spiegel- und Goldelementen ein neues Zuhause im Katharinenpalast, bevor er 1941 von der deutschen Wehrmacht aus- und im Königsberger Schloss eingebaut wurde. Nur drei Jahre später hieß es bereits wieder „zurück in die Kiste“, als die wertvollen Raumelemente zum Schutz vor Bombenangriffen eingelagert wurden. Seit Kriegsende gilt das sagenhafte Bernsteinzimmer als verschollen und noch immer rankt sich ein Hauch des Geheimnisvollen um seinen Verbleib. Die Theorien dazu sind vielfältig, aber allesamt unbewiesen und reichen von „durch Feuer zerstört“ bis hin zu „in Kisten am Meeresboden liegend“.

Soviel zur Theorie, doch bevor wir das mystische Zimmer in seiner ganzen nachgebildeten Pracht bewundern können, bahnen wir uns den Weg durch das Museum, das in einem der zahlreichen Gebäude des weitläufigen Waldgeländes errichtet wurde. Vorbei an mit Hakenkreuzen und Reichsadlern verziertem Geschirr, historischen Bildern, mit lebensgroßen Figuren nachgestellten Bunkeralltagssituationen, Infos zum bekannten Tiger-Panzer oder Dora, der größten Kanone der Welt, stoßen wir auch auf Modelle der legendären Haunebu Reichsflugscheibe und der ebenso mythischen Antigravitations-Glocke.

Vom Mythos zum Mysterium sind es nur ein paar Schritte und der Kontrast von kalten Betonböden- und wänden zu Prunk und Protz könnte nicht größer sein. Nach den barocken Superstars der Uni Breslau sind wir so Einiges gewohnt, doch auch als Nachbildung ist das Bernstein-Zimmer ein Foto-Stopp der Extraklasse. Opulente Wandverkleidungen, stimmungsvoll illuminiert, durchsetzt von güldenen Verzierungen und abgerundet durch Deckenfresken und Parkett mit kunstvoll gesetzten Intarsien lassen erahnen, warum die Inneneinrichtung einst 250 groß gewachsene Soldaten wert war. Unschwer können wir uns prächtige kaiser- und königliche Paläste als Zwischenstationen der bewegten Geschichte des einzigartigen Zimmers vorstellen. Jetzt fehlt nur noch der Heilige Gral oder zumindest das verschollene Nazigold…Was uns wiederum nach Breslau zurückführen würde zu einem gesprengten Brunnen unter einem Palast aus dem 16. Jahrhundert. Fehlen nur noch ein paar Zwerge und schon schließt sich der Kreis…

Text und Fotos: Sandra Fischer

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