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Die Kunst der Stunde nutzen – Zu Besuch bei Stephan Maria Glöckner

Aktuelles | 03. August 2026

Bei Sting ist die Message in a bottle, bei Stephan Maria Glöckner ist sie in Schrift und Bild auf Leinwand oder Papier festgehalten. Wir treffen den Künstler, Musiker und Grafikdesigner in seinem Atelier im Kloster Marienthal. Seit 13 Jahren teilt er sich mit Künstlerkollegin Ute Möller die Räume im Obergeschoss des altehrwürdigen Gebäudes. Barfuß, in Jeans und T-Shirt begrüßt er uns. Chucks und Hut, das Outfit, in dem ihn die meisten von seinen Auftritten kennen, ist abgelegt und auf dem Schrank deponiert.


Während im Galerieraum vor allem großflächige Arbeiten wie „Olphamega“, die clevere Verschmelzung und Neuausrichtung von „Alpha & Omega“ (Anfang und Ende) oder „Nutze die Kunst der Stunde“, welches als übergreifendes Motto dienen könnte, dominieren, finden sich im Büro des Künstlers überwiegend Schriftbilder im wahrsten Wortsinn. Der Kalligrafisch reiht sich ein neben den Privileguan oder die Wahrhide. Seine Werke sind ein Manifest gegen den schnellen Konsum, nichts für den oberflächigen Betrachter. Sie wollen erfasst und vor allem verstanden werden. Denn Glöckner analysiert, seziert, setzt neu zusammen, nimmt sich Buchstabe für Buchstabe einzeln vor, spielt mit Doppeldeutungen, ähnlich klingenden Vokalen, hinterfragt und fordert heraus. Er schmiedet das Wort, solange es noch Buchstaben zum interpretieren hat. Eine Wort gewordene Buchstabensuppe (nicht nur) für das Bildungsbürgertum.


„Ich habe mich schon immer gerne mit Sprache auseinandergesetzt“, konstatiert der ehemalige Deutschleistungskursschüler und beschreibt sich selbst als „philosophisch und lyrisch“. „Worteil“ heißt dementsprechend auch die Serie, im Rahmen derer der Wortspieler sie zeichnerisch und wortgewaltig umsetzt – jede Woche ein Motiv, seit zehn Jahren mit nur einer Ausnahme, der Woche der Flut. Auch mit ihr hat sich der Künstler in Wort und Bild auseinandergesetzt. Unter der Überschrift Traumatal ist beispielsweise  der ÜBERfluss zu finden. Ein Stück Papier, im überfluteten Keller gefunden, getrocknet und mit einem überdimensionalen ÜBER beschriftet. Darauf zieht sich in fließenden Bewegungen das Wörtchen Fluss über das Papier. Provokativ, plakativ und wie immer mit viel (Doppel)Bedeutung. „Ich habe damals den Riesenhaufen Sperrmüll gesehen und gedacht, das Zeug war auch schon vorher da, nur eben in unseren Häusern. Wir haben aber nur wenig davon wirklich genutzt. Da war so viel Überfluss. Und dann ist der Fluss übergetreten, um uns den Überfluss zu dokumentieren“, beschreibt Glöckner seine Intention. In einem weiteren Schriftbild nimmt er das Wort Existenz auseinander und findet das Wörtchen IST in dessen Mitte.


Glöckners Existenz ist seit Corona vor allem durch Kunst und Musik geprägt. Nach einem Grafikdesign-Studium in Trier mit den Schwerpunkten Illustration und Kalligraphie gründete er 1990 mit zwei Studienkollegen die Agentur Zillgen – Glöckner – Bartsch, später Shapefruit, in Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Ich hatte schon immer viele Ideen und wollte Sachen selbst entwickeln. Als sich eine Agentur, für die ich nach dem Studium gearbeitet habe, nicht einmal traute, eine wirklich provokant-knackige Idee dem Kunden zu zeigen, habe ich gedacht, in Bad Neuenahr gibt es noch keine Werbeagentur….“ Dass eine coole Idee und gute Partner leider noch lange kein garantiertes Erfolgsrezept sind, musste Glöckner schnell feststellen: „Im ersten Jahr war es verdammt schwierig. Wenn wir den heimischen Geschäftsleuten unsere Arbeit für einigermaßen marktgerechte Preise anboten, fielen manche aus allen Wolken.“ Mit der Erweiterung des Wirkungsradius‘ auf den Köln/Bonner Raum kamen schließlich die größeren Kunden, der Rest ist Geschichte.


Corona brachte nicht nur eine Zäsur innerhalb der globalen Gesellschaft, sondern auch in der Agentur, in der er seitdem weitgehend nur noch als Gesellschafter involviert ist. „Ich wollte künstlerisch und musikalisch freier arbeiten. Ich kann mich noch gut erinnern, als mir im März 2020 an einem Tag Aufträge für rund 25.000 Euro weggebrochen sind – Auftragsarbeiten, Ausstellungen, Konzerte, Workshops“, blickt der vielseitige Künstler zurück, der neben wort- und bildschaffender Kunst auch in der Musikszene erfolgreich ist.

Als „Sting des Ahrtals“ ist er Leadsänger der Tribute-Band „Stingchronisity“, nach mehreren längeren Aufenthalten in Brasilien gründete er 1994 die Weltmusikband „menino“, die auch brasilianische Straßenkinder unterstützt, international auf Tournee war und 2002 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde.

Mit „RingoTingo“, seinem Kinderliederprojekt gewann er beim WDR Preise und landete in der Kinderliedercharts zweimal auf Nummer 1. Er moderiert Events wie das Horizonte-Weltmusikfestival in Koblenz oder Lahneck Live. Als Stephan Maria Glöckner & Friends tritt er mit Kollegen aus beiden Bands auf und auch solo ist er häufig zu sehen und zu hören. Hierbei kommen die Zuhörer inzwischen auch in den Genuss der einen oder anderen literarischen Abhandlung aus dem Hause Worteil. „Chaos im Kopf“ lautet bezeichnenderweise der Titel seines ersten deutschen Soloalbums. 

Apropos Chaos – zurück zu Corona. Trotz weggebrochener Kundenaufträge und Auftrittsverboten im Kulturbereich hatte Glöckner den Ehrgeiz, die herausfordernde Zeit auch ohne staatliche Unterstützung zu schaffen. Einzige Bedingungen: „Spaß muss es machen.“ Auf Facebook, Instagramm und Linkedin veröffentlicht er jede Woche ein Worteil, bietet via den sozialen Medien auch seine Kalligraphien, Collagen, Auftragsarbeiten, Gemälde und Illustrationen an, veröffentlichte 2021 den ersten Worteil-Buchband „Wortschätze“ und bringt die kritisch-satirischen Schriftbilder als Kalender heraus. Seit 2024 gibt es das Buch „Nixnutzlos“, eine weitere umfangreicher Worteil-Sammlung.


Wo findet der Wortschmied Inspiration? „Überall. In Gesprächen, im Radio, im Alltag… Das Leben schmeißt dir die Impulse ständig vor die Füße, du musst nur zuhören.“ Oder aber auch zuhause: „Meine Frau Carmen ist inzwischen auch infiziert und eine kluge Ideenentwicklerin.“
Seinen kreativen Prozess beschreibt Glöckner folgendermaßen: „Ich mache, was mich interessiert. Man muss loslassen und es einfach probieren. Was für dich bestimmt ist, musst du fühlen, dann beginnt es zu fließen und der nächste Schritt erschließt sich von selbst.“ Als Kreativschaffender ist er sich seiner Bestimmung bewusst: „Wenn man das Talent bekommen hat, ist es sinnvoll, diese Rolle zu spielen.“


Apropos spielen: Glöckners heisere Stimme, die ihn zu Stings musikalischem Zwilling macht, hat er übrigens geerbt: „Sie kommt von der mütterlichen Seite.“ Die Besonderheit, die heutzutage eines seiner Markenzeichen ist, hat ihm dabei allerdings nicht immer zum Vorteil gereicht. „In der Schule hatte ich wegen der Heiserkeit ziemliche Probleme, wurde von meinen Mitschülern manchmal gemobbt und hab‘ mich oft nicht getraut, im Unterricht mitzumachen“, erinnert sich der 64-Jährige. Schlechte Epochalnoten und ein Schulwechsel waren die Folgen. Nicht zuletzt wegen seines Bandkollegen und Freundes Klaus Badelt, ein laut Glöckner „unglaublich talentierter Musiker aus dem Ahrtal“, der nach Los Angeles ging und so lange bei Hans Zimmer an die Tür klopfte, bis er für den Oscar prämierten Komponisten Kaffee kochen und kopieren durfte und mit der Filmmusik zu „Fluch der Karibik“ schließlich weltberühmt wurde, hat sich die Beziehung zu seiner Stimme jedoch grundlegend geändert. „Mit DER Stimme kannst du was machen“, animierte Badelt ihn damals und so fuhr Glöckner zehn Jahre lang jeden Dienstag nach Köln zum Gesangsunterricht bei der Jazzsängerin Susanne Schneider, „um die Stimme zu trainieren und zu stabilisieren“.


Dass sich mit DER Stimme definitiv was machen lässt, beweisen die immer noch 50 bis 60 Auftritte, die der Musiker pro Jahr verbuchen kann. Mit menino entwickelte er gemeinsam mit den Weather Girls ein Bühnenprogramm und trat sowohl mit ihnen als auch heute noch mit Katja Ebstein, mit der er inzwischen befreundet ist, auf. „Ich bin keine klassische Rampensau, ich kann kein Riesenpublikum manipulieren. Das bedeutet mir auch nichts. Mir sind Konzerte mit 100 Zuhörern, die meine Musik und meine Gedichte wertschätzen, manchmal lieber als Festivals mit 10.000, die nur auf den Top-Act warten. Es geht doch darum, Impulse mitzugeben “, philosophiert der kontemplativ ausgerichtete Künstler, der sich jedes Jahr mit Freunden ins Kloster zum Meditieren und Weiterbilden begibt. Mit katholischen Wurzeln hat er seine spirituelle Heimat aber auch in den Schriften fernöstlicher Religionen gefunden.

Ein weiteres Merkmal, das ihn mit dem britischen Sänger von „The Police“ verbindet, wenn man der gängigen Trivia Glauben schenkt. Jenen hat Glöckner übrigens auch schon mal getroffen, beispielsweise als Sting in seinem Heimatort Newcastle-upon-Tyne sein Album „The last ship“ vorstellte. Während andere in der klirrenden April-Kälte den bekannten Musiker bibbernd vor dem Veranstaltungsort abfangen wollten, zog es Glöckner in die Stadt. Und wie es das Schicksal so wollte, ging auf der Milleniumbrücke plötzlich der Weltstar neben ihm. Beim obligatorischen Selfie mit dem Fan aus dem Rheinland gab es direkt noch einen Fun Fact obendrauf: Der Geburtsort des Welthits „Message in the bottle“ liegt nämlich ebenfalls im Rheinland. Der eingängige Song, der von kaum einer Playlists wegzudenken ist, wurde laut Sting zwischen Köln und Düsseldorf geschrieben…

Text: Sandra Fischer | Fotos: Sandra Fischer / Privat / Andreas Noll

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