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Weinkönigin der Extreme

Aktuelles | 07. Oktober 2026

Eva Lanzerath war bundesdeutsche Rebenmajestät während Corona und der Flut

Deutsche Weinkönigin zu werden ist an sich schon eine herausragende Leistung. Das ehrwürdige Amt allerdings während Corona UND der Flut auszuüben, erfordert wahrhaft majestätische Fähigkeiten. Eine Herausforderung, die Eva Lanzerath aus Walporzheim als deutsche Weinmajestät mit Bravour meisterte, aber auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

„Es war schon schwierig“, zieht die 28-Jährige eine ehrliche Bilanz ihrer von Hindernissen durchzogenen Amtszeit. Die üblichen repräsentativen  Auslandsreisen in die USA, nach Kanada oder Asien mussten pandemiebedingt entfallen – stattdessen prägten Online-Weinproben oder -seminare ihre Regentschaft als deutsche Weinkönigin. Dabei unterschied sich der von Jogginghosen durchsetzte Zoomalltag der Allgemeinheit kleidungstechnisch kaum vom königlichen Internetauftritt. „Dadurch, dass die Weinproben oft in einer anderen Zeitzone stattfanden, saß ich auch schon mal mit dem Plümo über den Beinen, aber schickem Oberteil, gemachten Haaren, Make-up und Krone vor dem Laptop, hinter mir ein offizielles Roll-up-Banner und unter dem Tisch unsichtbar Jogginghose und Socken! Und dann hab‘ ich nachts mal schnell auf englisch eine Weinprobe gehalten“, lässt Lanzerath die außergewöhnlichen Momente ihrer Amtszeit lachend Revue passieren.

Bereits ihre Wahl zur bundesdeutschen Majestät der edlen Tropfen hatte für Aufsehen gesorgt. Während das ganze Ahrtal gebannt vor den Fernsehschirmen saß und fleißig die Daumen drückte, präsentierte sich die damals 22-Jährige extrem locker auf der Bühne. „Ich hatte ja nichts zu verlieren“, erinnert sich Lanzerath. „Fast alle meine Konkurrentinnen hatten einen Background im Weinwesen, sei es Studium oder Ausbildung oder besaßen selbst ein Weingut. Alle hatten einen wesentlich höheren Weinbezug als ich. Meine Familie bewirtschaftet zwar einen Weinberg für die Genossenschaft, aber ich habe das weder studiert noch gelernt und dachte, als angehende Grundschullehrerin bin ich hier nicht so auf dem Radar, wenn es um die Wahl der deutschen Weinkönigin geht. Ich hatte keinen Druck, keine Erwartungshaltung, ich habe das einfach als Erfahrung gesehen. Mein Ziel war, mich nicht zu blamieren, in dem Sinne, dass ich fachlich mithalten kann durch all das Wissen, dass ich mir durch Freunde und Familie angeeignet habe, und dass ich bei mir bleibe. Dass ich so bleibe, wie ich bin und wofür ich brenne, den Wein und die Kultur.“

Die Rechnung sollte aufgehen. Eva Lanzerath überzeugte die Jury nicht nur durch ihr Fachwissen und ihre exzellenten Englischkenntnisse, sondern vor allem durch ihre natürliche, charmante und einnehmende Art und ihre soziale Kompetenz.

An die Veranstaltung selbst kann Lanzerath sich kaum erinnern. „Das ist wie ein Film an mir vorbeigelaufen. Ich weiß nur noch, ich bin von der Bühne runter und habe erstmal geweint vor Erleichterung.“ Eine bestimmte Situation ist ihr allerdings doch im Gedächtnis geblieben: „Ich weiß noch, dass ich so einen Durst hatte und dann bei der Verkostung einfach einen Riesenschluck Wein genommen und gesagt habe: ,Schmeckt gut‘“, erinnert sie sich lachend.

Ihre Liebe zum Rebensaft hat Lanzerath, die erst im reifen Alter von 18, 19 Jahren das erste Mal bewusst zu einem Glas Wein griff, ganz klar von den Großeltern. „Meine Schwester und ich haben als Kinder viel Zeit bei Oma und Opa verbracht. Nach Kita und Schule waren wir dort jeden Mittag, haben zusammen gegessen und dann ging es raus in den Weinberg.“ Von klein auf bekommt die spätere Weinmajestät die Arbeit rund um den Weinbau hautnah mit, steht mit Bastelschere im Weinberg, schneidet Blätter und Reben oder besucht die Großeltern beim Kellerdienst im Walporzheimer Winzerverein.

„Die Traubenlese war für mich definitiv die prägendste Zeit“, erinnert sich die tief verwurzelte Ahrtalerin: „Diese Gemeinschaft im Weinberg, wenn wir mit der kompletten Familie dort gefrühstückt haben, mit klebrigen Fingern und der Traubenschere zwischen den Reben gearbeitet haben oder mit dem Traktor zur Abgabe fuhren und unbedingt wissen wollten, wieviel Oechsle wir geschafft haben.“

Auch auf ihren Reisen steht neben Sightseeing immer ein Ausflug in die Weinregionen des Landes ganz oben auf der Liste, so Lanzerath und berichtet unter anderem von einem Roadtrip ins amerikanische Napa Valley zur Weinprobe. Auch in ihrem Auslandsjahr in Neuseeland tauchte die Ahrtalerin tief in das dortige Weinkultur ein – nicht zuletzt durch ihre Gastmutter Larisssa. „Sie  meinte, ihr habt doch Weinberge zuhause, dann musst du dir auch hier die Weinregionen ansehen.“ Eine gute Gelegenheit dafür war die Wahl von Evas Schwester Anne zur Walporzheimer Weinkönigin, die das deutsche Au-pair mit ihrer Gastfamilie und einem Ausflug in die Weinregion rum um Queenstown feierte. Ihre Weintour durch das Land der Kiwis und Hobbits sollte Lanzerath auch nach Blenheim an die nördliche Spitze der Südinsel führen, wo sie mit Rentnergrüppchen von Weingut zu Weingut fuhr. „Obwohl die Neuseeländer ähnliche Rebsorten haben wie wir, ist der Wein geschmacklich ganz anders. Da kommt ganz klar das Terroir raus, die Weine sind kräftiger und vollmundiger.“ Und noch ein anderer Unterschied fiel der Weinkennerin auf: „Die Neuseeländer sind nicht so experimentierfreudig wie die deutschen Winzer. Da wird der Rotwein  traditionell im Fass gereift und der Weißwein im Edelstahlbehälter. Bei uns probiert man auch mal was Neues und reift den Weißwein im Fass.“

Während ihrem Aufenthalt down under hat Eva Lanzerath nicht nur Land und Leute schätzen und lieben gelernt („Neuseeland ist wie eine zweite Heimat, es fühlt sich jedes Mal wie nach Hause kommen an, wenn ich dort bin“), auch ihre Liebe zum Beruf ist durch ihre Arbeit als Au-pair entstanden: „Danach war mir klar, dass ich unbedingt etwas mit Kindern machen wollte. Das macht mir unheimlich viel Freude. Mitzuerleben, wie sie wachsen und gemeinsam diesen Weg zu gehen macht mich unfassbar stolz und glücklich“, berichtet Lanzerath, die inzwischen als Grundschullehrerin arbeitet und dort hauptsächlich Mathe und Geografie unterrichtet. „Es ist ein sehr herausfordernder und anstrengender Job, aber die Kinder geben einem soviel zurück.“

Doch zurück zu ihrem im wahrsten Wortsinn außergewöhnlichen Amtsjahr. Während die ersten sechs Monate von Online-Veranstaltungen geprägt waren, die besonders von Weinliebhabern in den USA sehr gut angenommen wurden, konnte Lanzerath wenigstens in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit zumindest in Europa reisen. So standen Besuche mit ihren Weinprinzessinnen in allen deutschen Anbaugebieten, in der Schweiz oder beispielsweise Montenegro auf dem königlichen Terminkalender. Doch das Jahr 2021 sollte trotzdem noch keine Erleichterung oder Entwarnung für die erschwerten Bedingungen ihrer Regentschaft bedeuten. Denn dann kam die Flut.

Lanzerath kann sich noch genau an den Abend des 14. Juli 2021 erinnern. Am nächsten Tag soll sie zu einer Weintour in den Rheingau fahren. Wegen des starken Regens hat sie Sorge, dass vielleicht die Brücke in ihrem damaligen Wohnort Rech gesperrt wird. Also fährt sie zu ihren Eltern ins heimatliche Walporzheim, erlebt dort die verheerende Flutkatastrophe aus nächster Nähe mit. „Aber unser Haus ist stehengeblieben und ich habe keine Familienmitglieder verloren, es hätte also viel schlimmer kommen können“, relativiert sie das einschneidende Erlebnis. Auch die Königinnenkrone hat das Jahrhunderthochwasser überstanden. „Die lag zum Glück mit meinem schon gepackten Koffer im 1. Geschoss.“

Doch fortan sollte nicht nur ihr Alltag als Privatperson, sondern auch als Weinkönigin von der Flut geprägt sein. „Für mich persönlich war es anfangs sehr belastend zu wissen, zuhause stehen alle im Schlamm und sind am Arbeiten und ich wohne in einem schönen Hotel mit fließendem Wasser, Heizung und Dusche und trinke leckeren Wein in netter Gesellschaft. Es hat etwas gedauert, bis ich gesehen habe, dass ich als Aushängeschild für Winzer gerade in dieser Zeit eine wichtige Rolle übernehmen konnte. Überall wo ich war, war die Flut Thema Nr. 1. Jeder fragte, ,Wie kann ich helfen? Was braucht ihr?‘“ Im Rahmen der SolidAHRitätswelle, die Tausende von Helfern ins Tal brachte, wurden auch die Winzer tatkräftig unterstützt: Mit Maschinen, Arbeitskraft, aber auch Lagermöglichkeiten für ihre Fässer und Tanks. „Es war schon ein prägendes Jahr“, gibt Eva Lanzerath zu.

Mit der Wahl zur Walporzheimer Weinkönigin in 2018/19, einem Titel, den ein Jahr vorher schon ihre Schwester und in 1981 bereits ihre Mutter Petra trug, ihrer Wahl zur Bezirksweinkönigin in 2019/20 und schließlich in 2020/21 ihrer Krönung zur deutschen Weinkönigin hat Eva Lanzerath alles im Bereich Wein erreicht. Trotzdem wird der edle Rebensaft weiterhin eine prominente Stellung im Leben der Ahrtalerin haben. „Am allerliebsten trinke ich den Wein natürlich“, schmunzelt die Majestät im Ruhestand. „Aber da mein Schwager Winzer ist, helfe ich natürlich auch im Weinberg mit.“ Auch kleine Weinproben gibt Lanzerath oder macht Moderation. „Sowas liegt mir, da brauche ich keine Vorbereitung, das klappt aus dem Effeff. Das hilft mir auch im Lehrerberuf.“

Gerade in Zeiten von 30 Prozent Rückgang im Weinkonsum hat Eva Lanzerath größten Respekt für die Arbeit der Winzer. „Im Betrieb eines Weinguts steckt so viel Arbeit und es wird immer schwieriger, neue Kunden zu gewinnen.“ In dieser Zeit des Umbruchs müssten die Winzer neue Wege gehen und neue Vermarktungsstrategien entwickeln. Dazu brauche es einen Wechsel an Formaten, wie Veranstaltungen und eine starke Social Media-Präsenz, um speziell junge Menschen für den Wein zu gewinnen, so Lanzerath. „Besonders wenn ein Glas Wein 7 Euro und ein Glas Bier 3 Euro kostet.“ Das Ahrtal sei dabei auf einem guten Weg, so die ehemalige Weinkönigin. „Hier wird was getan, es gibt viele attraktive Events für junge Leute, die gut angenommen werden.“ Viele Weinbetriebe seien familiär geführt, deshalb geht Lanzeraths Dank an die junge Generation, die sich dafür einsetze, altbewährte Traditionen zu erhalten, aber auch Neues zu wagen, um dieses Stück Heimat und Kultur zu erhalten.

Und was trinkt die ehemalige deutsche Weinkönigin privat gerne? „Also es muss nicht immer Wein sein, ich trinke auch gerne mal Bier, zum Beispiel im Karneval. Aber wenn ich Wein trinke, dann trocken oder auch mal einen Kabinettwein abends im Sommer. Im Winter muss es auf jeden Fall rot sein, am besten ein Spätburgunder. Bei Weißwein trinke ich jetzt am liebsten Riesling, vor meiner Zeit als Weinkönigin habe ich eher Weißburgunder getrunken.“

Neben dem Wein hat Eva Lanzerath eine weitere Passion: Tanzen. „Tanzen ist  meine größte Leidenschaft. Da fühle ich mich so richtig frei und bin glücklich, da geht’s mir gut, da kann ich alles um mich herum vergessen“, schwärmt die 28-Jährige. Kein Wunder, dass sie schon im zarten Alter von drei Jahren in der KG Bunte Kuh tanzte. „Ich bin da quasi reingeboren worden. Mein Papa Reinhold war Karnevalsprinz, meine Mutter hat bei den Ahrmatrosen getanzt und meine Schwester bei den Fünkchen. Und 2007 war ich als Jungfrau mit meiner Schwester als Prinzessin und meinem Cousin als Bauer im ersten Kinderdreigestirn der KG.“ Knapp 25 Jahre tanzte Lanzerath für die KG, bis sie 2024 vom Gardetanz in den Showtanz zu den Bachemer Merle wechselte. Ihre Freude am Tanz gibt sie natürlich auch an die Kindertanzgruppe weiter, die sie für die Walporzheimer Jecken trainiert.

Ihre Heimatverbundenheit wird außerdem in Lanzeraths Engagement im örtlichen Vereinsleben deutlich. So ist sie neben ihrem Einsatz für die Karnevalsgesellschaften auch als 1. Vorsitzende im Walporzheimer Weindorf aktiv sowie seit der jüngsten Wahl auch Mitglied im Stadtrat und Kreistag für die CDU. „Ich mache viel ehrenamtlich und setze mich gerne für meine Heimat und die Menschen hier ein.“ Auch hier tritt Lanzerath in familiäre Fußstapfen, ist doch Mutter Petra Ortsvorsteherin in Walporzheim. Den Generationswechsel, den sie in politischen Gremien wie auch im Stadtrat beobachtet, empfindet sie als äußerst positiv, als „Zeichen, dass die junge Generation die Zukunft der Region mitgestalten möchte“.

Und Eva Lanzeraths Zukunft? „Mich zieht es auch weiter in die Welt. Ich will noch viel sehen und erleben und die Weinkultur und mein Wissen weitergeben. Aber es wird mich auch immer wieder hierhin zurück ziehen. Denn jedes Mal, wenn man ins Tal kommt, ist das schon etwas ganz Besonderes.“

Text: Sandra Fischer |Fotos: Klaus Geck – Dominik Ketz u. privat

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