Das geheimste und teuerste Bauwerk in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Rainer Groß aus Heimersheim im Gespräch – Zwischen Mittagspause und Militärübung – Ein Arbeitsleben im Regierungsbunker


Fast drei Jahrzehnte lang hielt die Bundesrepublik unter den Weinbergen des Ahrtals den Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes bereit. Von dort aus sollte die staatliche Führung im Kriegs- oder Krisenfall handlungsfähig bleiben. Die Planungen begannen in den 1950er Jahren und standen im Zusammenhang mit dem NATO-Beitritt Deutschlands.
Zwischen 1962 und 1971 wurden zwei ungenutzte Eisenbahntunnel nahe der damaligen Bundeshauptstadt Bonn zu einer Bunkeranlage mit einem Streckennetz von mehr als 17 Kilometern ausgebaut. In fünf autarken Bauteilen sollten rund 3.000 Vertreter aus Politik, Militär und Wirtschaft bis zu 30 Tage lang arbeiten und leben können.
Rund 180 Beamte hielten Dienststelle Marienthal im Schichtdienst einsatzfähig. Einer von ihnen war Rainer Groß, der 1983 als Wassertechniker in den Regierungsbunker kam. Was von außen als Staatsgeheimnis Nummer eins galt, war für ihn vor allem eines: tägliche Arbeit.
Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts erschien der Ausweichsitz als Relikt vergangener Zeiten. 1997 gab die Bundesregierung die Anlage auf – damit endete auch die Arbeit von Rainer Groß unter den Weinbergen. Im Gespräch erzählt er von seinem Alltag im Staatsgeheimnis, vom Karneval als Gegenpol und davon, was aus dieser Zeit für die Gegenwart bleibt.


„Kann ich so erst mal nichts zu sagen“ – der erste Kontakt mit der Dienststelle Marienthal
Rainer, wenn man Dich erlebt, denkt man eher an Karneval als an Staatsgeheimnisse. Wie bist Du mit dem Regierungsbunker in Berührung gekommen?
1983 habe ich im Bunker als Wassertechniker angefangen. Vorher war ich im Lehrbereich „Fachausbildung Führungskräfte“ an der Katastrophenschutzschule des Bundes tätig. Irgendwann hieß es, im Bundesinnenministerium werde ein Wassertechniker gesucht. Dann fragte man mich am Telefon, ob ich Interesse hätte, in einer unterirdischen Anlage zu arbeiten. Meine erste Antwort war: „Kann ich so erstmal nichts zu sagen.“
Was hat Dich schließlich überzeugt?
Man hatte mir gesagt, dass ich mich gehaltsmäßig verbessern würde. Unabhängig davon fand ich die Stelle sehr interessant. Es war ein Job, den ich machen wollte, also habe ich zugesagt.
Und wie ging es danach weiter?
In Bonn war meistens schon eine Vorentscheidung getroffen worden, bevor man jemanden überhaupt fragte und zum Vorstellungsgespräch einlud. Auf meine Zusage folgte die Sicherheitsüberprüfung.
Ich fürchte, das musst Du kurz erklären.


Bevor ich anfangen konnte zu arbeiten, musste ich zahlreiche Formulare ausfüllen und fünf Gewährspersonen angeben. Man wollte etwas über mich und mein Umfeld wissen: Gibt es Kontakte in die DDR? Alkoholproblem? Spielsucht? Es ging darum, einen Eindruck von mir als Person zu bekommen, ob ich angreifbar oder bestechlich bin.
Fühlt sich das nicht schon wie Misstrauen an?
Das war eine notwendige Vorschrift. Wer tatsächlich befragt wurde, wusste ich nie. Ich durfte den Gewährspersonen zwar sagen, dass sie vielleicht befragt würden. Ob und was sie gefragt wurden, erfuhr ich aber nicht.
Etwa alle fünf Jahre gab es eine kleinere Überprüfung der persönlichen Daten. In größeren Abständen folgte eine ausführlichere Prüfung mit Gewährspersonen.
„Nach einem Jahr glaubst Du selbst dran“ – zwischen Staatsgeheimnis und Karnevalsbühne
Du bist seit über 50 Jahren im Karneval aktiv. Wie bist Du dazu gekommen?
Ich war vorbelastet. Mein Patenonkel und meine Patentante waren Vollblutkarnevalisten. Mein Onkel war – wie ich später auch – Prinz in Heimersheim, meine Tante Obermöhn in der Grafschaft. 1973 habe ich im Funkencorps angefangen. Später war ich Büttenredner, im Elferrat, Sitzungspräsident, Prinz, Senator und schließlich Vorsitzender.
War es belastend, gleichzeitig an einem Ort zu arbeiten, über den Du nicht frei sprechen durftest?
Eigentlich nicht, das war eben die Vorschrift.
Und wenn Dich doch mal jemand gefragt hat: „Rainer, wo arbeitest Du eigentlich?“
Jeder musste sich eine sogenannte Legende zulegen. Auf Kölsch kannste sagen: ein „Deckmäntelche“. Ich habe immer gesagt, ich arbeite beim Bundesgrenzschutz.
Und damit bist Du nie durcheinandergekommen?
Nein, nach einem Jahr glaubst Du selbst dran.
Die Trennung zwischen Beruf und Privatleben funktionierte also?
Die musste funktionieren. Wenn ich die Dienststelle verlassen habe, musste ich abschalten. Ich konnte nicht ständig im Hinterkopf haben, wofür diese Anlage gedacht war – sonst gehst Du daran kaputt. Um 16 Uhr war Schluss, das war der beste Schutz.
Damit war der Karneval auch ein Ventil.


Schon. Da konnte man abschalten, unter Menschen sein und eine schöne Zeit haben. Der Bunker war Arbeit, der Karneval war Freizeit.
Hochrangige Politiker, Geheimdienste, Bundeskanzler? „Die Leute stellen sich das viel spannender vor, als es war.“
Kommen wir durch das „Deckmäntelche“ zurück in den Regierungsbunker: Wie sah dort ein gewöhnlicher Arbeitstag aus?
Dienstbeginn war um 7.15 Uhr, Dienstschluss um 16 Uhr. Der Alltag bestand aus Wartungsarbeiten, Kontrollen und Erneuerungen. Die Leute stellen sich das viel spannender vor, als es war. Im Endeffekt war das ein Ablauf, der sich ständig wiederholte.
Was musste denn im Wasserwerk Tag für Tag funktionieren?
Die gesamte wasserseitige Technik: vor allem die Trinkwasseraufbereitung, die Kontrolle möglicher Wassereinbrüche und die Überprüfung der Sanitäranlagen.
Wenn ich heute im Museum das ehemalige Wasserprüflabor sehe, denke ich gerne an diese Zeit zurück.
Gibt es etwas, das sofort wieder da ist, wenn Du heute diesen Raum betrittst?
Ich habe sofort den Chlorgeruch in der Nase und höre die Pumpen der Wasseraufbereitung. Sicherheitshalber musste das Trinkwasser aufbereitet und gechlort werden. Der Geruch und die Geräusche gehören für mich zu dem Raum.
Bei all der Routine: Gab es auch mal Zwischenfälle?
Einmal hatten wir eine Überschwemmung im Bunker, bei der Hunderte Kubikmeter Wasser abgepumpt werden mussten. Für die Wasserversorgung bei den Übungen wurde Wasser in der Drainage gestaut. Einmal hatte es aber so stark geregnet, dass zu viel Wasser gestaut wurde, und es kam zum Wassereinbruch. Weil das Wasser in einzelnen Strahlen aus dem Beton kam, haben wir scherzhaft „Manneken Pis“ gesagt.
Das klingt ziemlich rheinisch für ein Staatsgeheimnis. Gab es häufiger solche Scherze?
Das kann ich hier nicht bringen! Bei der Arbeit haben wir uns schon mal Streiche gespielt – manche mussten danach beim Dienststellenleiter antreten.
Zum Beispiel riss ein Kollege seinen Spind immer ruckartig auf. Also stellte ihm ein anderer eine Schüssel Wasser auf den Spind. Beim nächsten Öffnen kam ihm die Schüssel entgegen. Die Antwort kam am nächsten Morgen: Der Spind vom Kollegen, der die Schüssel aufgestellt hatte, wurde mit Silikon abgedichtet.
Zeitgleich kamen zu den Übungen Politiker, Militärs und andere Funktionsträger in den Bunker. Habt Ihr davon viel mitbekommen?
Viele stellen sich das falsch vor. Wir waren als technische Beamte für die Funktionsfähigkeit der Anlage zuständig – wir haben gar nicht alles mitbekommen. Bei Übungen war so viel zu tun, dass wir gar keine Zeit hatten, uns auf die Lauer zu legen und zu gucken, wer hier rumläuft. Als Wassertechniker konnte ich leider auch nicht einfach mal zum Bundeskanzler laufen – es gab also wenig Berührungspunkte.


„Absolute Sicherheit gibt es ohnehin nicht“ – hinter der Normalität erscheint der Ernstfall
Wartungsarbeiten, Prüfberichte, Streiche – und das in einer Anlage für einen möglichen Atomkrieg. War Dir dieser Widerspruch bewusst?
Ich wusste, wofür die Anlage gedacht war und warum sie funktionieren musste. Meine Aufgabe war es, die Technik am Laufen zu halten. Solche Gedanken durfte man nicht ständig an sich heranlassen.
Ganz ausblenden ließ sich die politische Lage trotzdem nicht.
Nein, ich habe das Weltgeschehen anders verfolgt und wesentlich häufiger Nachrichten geschaut, bestimmt fünfmal täglich. Wenn irgendwo etwas passiert wäre, hätten wir unmittelbar damit zu tun gehabt.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das weniger. Heute schaue ich aufgrund der veränderten Lage wieder häufiger Nachrichten.
Hättest Du im Ernstfall tatsächlich geglaubt, dass dieser Bunker Dich schützt?
In gewisser Weise schon. Dafür war die Anlage gebaut. Allerdings ist die Schutzwirkung von vielen Faktoren abhängig – wir haben im Alltag nicht darüber spekuliert, was bei welchem Angriff noch funktioniert hätte und was nicht.
Du hattest damals zwei Kinder. Wenn Du im Ernstfall in den Bunker gemusst hättest – was wäre mit Deiner Familie gewesen? Hast Du darüber nachgedacht?
Meine Familie wäre zu Hause gewesen. Die rund 3.000 Plätze waren für einzelne Funktionsträger und Mitarbeiter vorgesehen, nicht für deren Familien.
Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Aber den Gedanken habe ich weggeschoben. Ich konnte es nicht ändern.
Ist das der Punkt, an dem die Trennung zwischen Dienst und Privatleben besonders wichtig wurde?
Ja. Man hat hier in der Hoffnung gearbeitet, dass nie etwas passiert. Ausblenden konnte ich die politische Lage nicht, aber ich darf auch nicht den ganzen Tag grübeln, was vielleicht passieren könnte.
„Für mich war es eine tolle Arbeitsstelle“ – Mauerfall, Flurfunk und das Ende der Dienststelle Marienthal
Wann habt Ihr gemerkt, dass der Mauerfall auch Konsequenzen für den Regierungsbunker hat?
Nach dem Mauerfall setzte schnell der Flurfunk ein. Wir haben viel darüber gesprochen, wie es weitergehen würde. Irgendwann war klar, dass Teile der Anlage, möglicherweise auch der gesamte Bunker aufgegeben würden. Das war schade, weil es für mich eine tolle Arbeitsstelle war.
Für Euch bedeutete das Ende der Dienststelle Marienthal aber nicht die Arbeitslosigkeit.
Nein. Wir waren Beamte, deshalb verlor niemand seine Stelle. Rund 40 Kollegen – überwiegend Mitarbeiter kurz vor der Pension – blieben für den Rückbau. Die übrigen wurden in anderen Dienststellen eingesetzt.
War die Aufgabe des Bunkers, dessen Einsatz sich niemand gewünscht hatte, nicht eigentlich eine gute Nachricht?
Natürlich war es gut, dass der Ernstfall nie eingetreten war. Für mich war es trotzdem das Ende einer Arbeitsstelle, an der ich gerne gewesen bin. Das eine schließt das andere nicht aus.
„Sicherheit fällt eben nicht vom Himmel“ – was aus dem Kalten Krieg bleibt
Heute sprechen wir wieder über Aufrüstung und Schutzräume. Der Karneval war für Dich der Gegenpol zum Bunker: Vorsorge treffen, aber das Leben nicht vergessen. Kann uns diese Haltung helfen?
Meine Mutter hat immer gesagt: „In jedem Schlechten liegt noch etwas Gutes.“ Niemand wünscht sich eine verschärfte Bedrohungslage. Sie führt aber dazu, dass wir über Dinge nachdenken, die lange als selbstverständlich galten – Sicherheit fällt eben nicht vom Himmel. Man muss Vorsorge treffen, bevor etwas passiert.
Das ist für mich die Lehre aus der Bunkerzeit: Risiken nicht verdrängen, aber auch nicht ständig mit sich herumtragen. Wir haben damals unsere Arbeit gemacht und gleichzeitig gehofft, dass das, wofür wir sie machten, niemals gebraucht würde. Das ist kein Widerspruch.
Hattest Du nach dem Mauerfall das Gefühl, diese Bedrohung endgültig hinter Dir gelassen zu haben?
Das ist ’ne gute Frage! Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes breitet sich bei vielen ein Gefühl von „Friede, Freude, Eierkuchen“ aus. Der Mauerfall und die Aufgabe des Regierungsbunkers waren auch für mich eine Art Schlussstrich.
Heute sieht man manches wieder anders. Plötzlich wird wieder über Schutz und Verteidigungsfähigkeit gesprochen. Vielleicht hat man nach dem Kalten Krieg manches zu schnell für überflüssig gehalten. Absoluten Schutz gibt es ohnehin nicht. Deshalb sage ich immer: „Jut zu esse, jut zu drinke und warten, bis der Knall kommt.“
Das klingt ziemlich ernüchternd.
Nein. Das ist gerade der Punkt: Vorsorge treffen, seine Aufgaben machen – und trotzdem weiterleben.

Wenn Du heute durch den Regierungsbunker gehst – siehst Du dann ein Denkmal des Kalten Krieges oder Deinen alten Arbeitsplatz?
Da sehe ich meinen alten Arbeitsplatz.
Danke für das Gespräch und alles Gute, egal was kommt…








Die Unterwelt des Ahrtals hautnah erleben – Heute ist er als Gästeführer für den Bunker aktiv – diese gestaltet er informativ und humorvoll- wer ihn einmal live erleben möchte: https://www.regbu.de/kontakt/
Text: Sebastian Walter | Fotos: Privat – Schwarz-Weiß-Fotos – „Urheberrecht: Werner Merten; Copyright: Dokumentationsstätte Regierungsbunker“
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