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Erste Hilfe für tickende Zeitmesser

Handwerk | 22. April 2026

Mit Präzision und Feingefühl behauptet sich Uhrmachermeisterin Ine Klees in einer Männerdomäne

„Das ist eine Westminster“, bestätigt Ine Klees, als ein dreimaliges, durchdringendes DING den Raum erfüllt. Vorsichtig dreht sie das Ziffernblatt der rund 200 Jahre alten französischen Comptoise-Pendeluhr und stellt die korrekte Uhrzeit ein. Doch schon nach wenigen Schlägen verebbt das rhythmische Ticktock des beeindruckenden, 2,20 Meter großen, antiken Schätzchen, das Pendel steht still. Aus ihrem mobilen Reparaturkoffer fischt Klees Wasserwaage und Bierdeckel. Letzteren schiebt sie unter das massive Nussbaumgehäuse, bis die Wasserwage das perfekte Eichmaß anzeigt. Ein weiteres Mal zieht sie die Uhr auf, dessen Messinggehäuse zum Ahrtal passend kunstvoll gestaltete Weinreben schmücken. Ein ebenmäßiges Ticktock, Ticktock ertönt…und fünf Minuten später verkündigt ein helles DING die erste Viertelstunde. Zufrieden zieht Ine Klees die Stirnlampe aus und packt Zangen, Schraubendreher, Lupe, Öle und Fette in ihren „Erste-Hilfe-Koffer“ für Uhren.

Diese ticken bei Klees anders – zumindest bevor sie von der 66-Jährigen behandelt werden. Denn Klees ist Uhrmachermeisterin. „Sogar zweifache“, schmunzelt Hendrika Josepha Elisa – kurz Ine genannt. Denn nachdem die gebürtige Niederländerin ihren Beruf 1980 nach erfolgreicher Prüfung in Deutschland ausüben wollte, musste sie drei Monate nach ihrer holländischen auch noch die deutsche Gesellenprüfung machen, da ihr Diplom in Deutschland nicht anerkannt wurde. Die Meisterprüfung sollte nach 18 Jahren Elternzeit erst 25 Jahre später in 2015 folgen. Seitdem führt Klees die Bad Neuenahrer Filiale des Juweliergeschäfts Bürkle und ist dort für so ziemlich alles zuständig: Vom Einkauf über Ringe anpassen, Schmuck reparieren, von Hand gravieren und natürlich ihre Kernkompetenz: Alles, was mit tickenden Zeitmessern zu tun hat. Im schicken Blazer und farblich abgestimmten Brillenbügeln und Schmuck öffnet Klees die Eingangstür. Alles muss passen und aufeinander abgestimmt sein, ein Rädchen greift ins nächste, ein Leben wie ein Uhrwerk. „Ich bin Beamtentochter. Struktur, Organisation und Genauigkeit sind mein Ding. Die rote Linie muss immer eingehalten werden, das gebe ich auch an meine Söhne und Enkelkinder weiter.“ Kein Wunder, dass sich Klees damals für den Beruf der Uhrmacherin entschieden hat, nachdem ihre ebenso von Struktur und Ordnung durchzogenen Traumjobs, Polizei und Marine, an zwei fehlenden Zentimetern bei der Mindestgröße scheiterten. „Ich bin damals mit meiner Mutter drei Monate nach meinem Schulabschluss rumgefahren und habe mir alle möglichen Berufe angeschaut. Ich wollte irgendwas Handwerkliches machen. Als wir in der Uhrmacherschule waren, wusste ich sofort: Das war’s. Das will ich machen. Ich habe mich noch mal selben Tag angemeldet.“ Vier Jahre wurde Klees in der holländischen Eliteschule von der Pike auf ausgebildet. „Mit Feilen fing alles an“, erinnert sie sich. „Dann mussten wir Fehler suchen, die extra in Wecker eingebaut wurden und nach und nach wurden die Uhren immer kleiner und unsere Fingerfertigkeit und Augen immer besser.“

Dies stellt sie auch heute noch eindrucksvoll unter Beweis. In Klees‘ Werkstatt wartet zwischen Poliermaschine, zehn verschiedenfarbigen Arbeitsblazern und unzähligen Zangen und mikroskopisch feinem Werkzeug ein auseinandergebautes Uhrwerk auf die Meisterin. Zwischen Rädchen jeder Größenordnung greift Klees zu einem hauchdünnen Ölgeber, setzt ein Vergrößerungsglas auf ihre Brille und schmiert sorgfältig das Schlagwerk ein. „Ganz wichtig dabei: Öl für kleine Teile, Fett kommt nur auf die großen, schweren Teile.“ Mit geübtem Griff setzt Klees anschließend die Herzstücke der Uhr, Anker und Ankerrad ein. Präzision, Feingefühl, gute Augen und eine ruhige Hand sind dabei essenziell. Parallelen zur millimetergenauen Kunstfertigkeit von Chirurgen sind dabei keine Seltenheit. „Ich habe bei einem Tag der offenen Tür in einem Krankenhaus mal ganz feine Knoten unter einem Mikroskop geknüpft und selbst die Ärzte dachten, ich sei eine von ihnen. Das Können und das Feingefühl hätte ich, aber die Verantwortung wäre mir dann doch zu hoch“, berichtet Klees, während die Uhr unter ihren geschickten Fingern langsam wieder Form annimmt.

Doch die Arbeit der 66-Jährigen ist nicht damit getan, Uhrwerke komplett auseinander zu nehmen, zu säubern, gegebenenfalls zu reparieren und Teilchen für Teilchen wieder sorgfältig zusammen zu bauen. Manchmal muss die geschickte Handwerkerin Ersatzteile auch selbst maßanfertigen. Wie bei einem anderen antiken „Patienten“, einer Standuhr mit Westminsterschlagwerk, bei der ein Gewicht beschädigt wurde. Aus einem Messingring hat Klees die kaputte Abdeckung nachgebaut, um das Original zu stärken, dass zwar wieder in seine ursprüngliche Form gebracht wurde, aber nicht stabil genug ist für die mehrere Kilo schwere Gewicht.

Kein ungewöhnliches Unterfangen in ihrem Beruf. „Ich hatte mal einen Kunden mit einem beschädigten Kruzifix vom Calvarienberg. Einer der Nägel in Jesus‘ Hand war kaputt“, berichtet die Meisterin. Aus einem Messingstift vom Baumarkt konnte sie schließlich den kaputten Nagel nachbauen, einschließlich speziell geschnittenen Gewinden. „Der Angestellte im Baumarkt hat mich nur angeschaut und gemeint, dafür brauchen sie doch eine Drehmaschine und das müssen sie erstmal können. ,Hab` ich, kann ich`, habe ich zu ihm gesagt, da war er baff“, erinnert sich Klees schmunzelnd.

Lösungen zu komplizierten Aufträgen kommen ihr oft über Nacht oder beim Kochen, plaudert die Bachemerin aus dem Nähkästchen, während sie ihre Armbanduhr zur Überprüfung auf ein Spezialgerät legt. „Das ist so eine Art EKG für Uhren“, erklärt sie und zeigt auf die kryptische Anzeige, die für Laien schwierig zu dechiffrieren ist. Für die Expertin jedoch kein Problem: „Das bedeutet, dass sich entweder am Ankerrad oder am zweiten Rad feinste Staubpartikel befinden. Wenn ich mal Zeit habe, baue ich sie auseinander“, lacht Klees. Derweil kann sie zuhause aus einem umfangreichen Repertoire von Armband- und Taschenuhren auswählen, je nach Outfit. Ihr tickendes Sammelsurium wird stilecht von Kamin- und Wanduhren komplementiert.

„Kommt eine Uhrmachermeisterin auch schon mal zu spät?“, wollen wir wissen? „Niemals, versichert Klees, ich habe die Zeit immer Blick.“ Kein Wunder, dass das Organisationstalent auch nach der Flutkatastrophe den Überblick behielt und sich als Helferin vor Ort einsetzte.

So vielfältig wie die zu reparierenden Uhren sei auch der Arbeitsalltag, betont Klees und berichtet von anderen ungewöhnlichen Arbeitsaufträgen wie beispielsweise einer antiken Uhr mit einem Schiff als Pendel, die auch schon ein Kollege von ihr repariert hatte. Oder ihr bislang ältester „Patient“, eine Standuhr von 1768, die nach der Flut wieder ans Ticken gebracht werden musste. Oder eine ganz besondere Anfertigung mit original Schildpatteinlagen. Oder ein sich zu Musik drehender Christbaumständer – „da konnte man die Zahnräder gar nicht mehr erkennen“. Mit ihrer mobilen Werkstatt kommt sie bei Hausbesuchen viel rum – manchmal zu ebenso antiken Behausungen wie den Uhren, wie jüngst auf einer Burg im Rheinland.

Viele Uhren haben nach der Flut ihren Weg in Klees‘ Hände gefunden. Manche auch zum wiederholten Mal. Eine Standuhr, die beim Gardinenaufhängen auf eine ältere Dame gefallen und danach repariert werden musste, kam nach dem Hochwasser wieder in ihre geschulten Hände.

Wie ein Uhrwerk, so steht auch Ine Klees nie still. „Ich hab‘ immer einen Zahn drauf“, lacht sie, und auch abseits ihres Arbeitsplatzes dreht sich alles um Räder. „Ich fahr` morgens mit dem Rad zur Arbeit, in der Mittagspause nach Hause, wieder zurück zur Arbeit und abends wieder heim. Das sind locker zehn Kilometer pro Tag.“ Kein Wunder, dass sie auch mit 66 Jahren, mit denen laut Udo Jürgens das Leben bekanntlich erst anfängt, noch lange nicht an den Ruhestand denken will. „So lange meine Finger und meine Augen mitmachen, geht es weiter.“ Und sollte dies irgendwann nicht mehr der Fall sein, so wird der agilen Seniorin sicher nicht langweilig, hat sie doch mit vier Enkelkindern, einem 1000 Quadratmeter großen Garten und ihrem Hobby, dem Kellern bei Heimatfesten, immer gut zu tun.  Und vielleicht ergibt sich dann auch endlich die Gelegenheit, einen lang gehegten Wunsch in die Tat umzusetzen und sich einer Gesellschaft anzuschließen, die einmal im Jahr nach St. Petersburg reist und sich dort um antike Uhren kümmert – hauptsächlich französische Comptoise-Uhren. Wie jenes Schätzchen, das nach erfolgreicher Inspektion, Wartung und Ausrichtung inzwischen brav im Takt tickt und mit einem durchdringenden DING, DING das Erreichen der halben Stunde verkündet. 

Text und Fotos: Sandra Fischer/Film: Michael Lang

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