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Exklusiv-Interview mit Guido Orthen – vom Bürgermeister zum Landtagsabgeordneten

Politik | 20. April 2026

Wie ein Metzger für das Ende der Bürgersprechstunde sorgte, aus welch ungewöhnlichem Grund der Schüler Guido Orthen die Schule schwänzte und wie sich der Umzug aus dem Bad Neuenahrer Filetstück auf 22 Quadratmeter inklusive Klappbett in Mainz anfühlt, erfahren Sie in unserem Exklusivinterview mit dem scheidenden Bürgermeister. Ein Blick hinter die Kulissen und den Menschen hinter dem zukünftigen Landtagsabgeordneten.

16 Jahre Bürgermeister unserer Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler sind eine lange Amtszeit, die nun in Kürze ein Ende findet. Mit der Wahl am 22. März, haben die Bürger von Bad Neuenahr- Ahrweiler mit Pascal Rowald einen neuen Bürgermeister aus dem CDU – Lager gewählt.

Nun heißt es Koffer packen, Büro räumen und herzlich willkommen in Mainz, dem neuen Landtagsabgeordneten Guido Orthen aus Heimersheim.

Dies ist für uns der Anlass gewesen, Guido Orthen nach der Wahl in seinem Büro in der Stadtverwaltung zu besuchen, um ihm natürlich Fragen zu der aktuellen Situation zu stellen, aber auch Antworten zu finden, die mehr die private Seite von Guido Orthen beleuchten. Wie tickt er, was schätzt er und was hasst er.   

Ein sichtlich entspannter und gut gelaunter Bürgermeister ist uns bei unserem Exklusivinterview begegnet. Wir bekommen Kaffee und das gute Wasser aus der Heimat gereicht. Die Mikros werden angesteckt, die Kameras positioniert und einige Infos im Vorfeld ausgetauscht.

Herr Orthen, wenn man jetzt an dieses wunderschöne Büro hier im Rathaus denkt, kommt da ein bisschen Wehmut auf?

Wehmut kommt auf, weil ich hier viel zurücklasse, wenn ich zum Beispiel allein an die Mitarbeitenden denke.  Das Büro hier ist deutlich größer als das Büro eines Landtagsabgeordneten in Mainz. Aber angemessen, 22 qm incl. Bad.  Dort hängt das Bett an der Wand. Meine Studentenbude war damals 12 qm groß.

In vielen Medien wurde Ihre Kandidatur für den Landtag als Überraschung eingestuft. Was hat Sie zu der Entscheidung bewogen und wann haben Sie die Entscheidung getroffen?

Für mich war es auch eine Überraschung, ich habe das im letzten Frühjahr zum ersten Mal erwogen. Weil die Frage anstand, kandidiere ich nochmals als Bürgermeister oder mache ich etwas anderes. Ich habe mich dann dazu entschieden, etwas anderes machen zu wollen. Dann habe ich parteiintern für meine Kandidatur gestritten. Warum?  Ich bin 24 Jahre im Hauptamt, davon 16 Jahre Bürgermeister. Demokratie lebt vom Wechsel, das gilt auch für Personen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt braucht es neue Initiativen, neue Ideen frische Gedanken und nicht das „same procedure“.  Ich habe meine Energie nicht verloren, ich bringe jeden Tag neue Arbeit und Ideen mit ins Rathaus; aber wir haben eine andere Zeit, dann muss man überlegen, ob es nicht auch der Demokratie gut tut, den Wechsel anzustreben. Ich bin froh, dass der Regierungswechsel  in Mainz geklappt hat und freue mich auf die neuen Aufgaben im Landtag.

Was ändert sich jetzt für Sie persönlich als Landtagsabgeordneter?

Ich habe nicht mehr so kurze Fahrwege. Der Arbeitsort ist nun im Mainzer Landtag. Allerdings keine 5 Tage in der Woche, da ein großer Teil meiner Arbeit hier im Landkreis stattfinden wird.

Sie haben oft kritisiert, dass die Regelungen des Wiederaufbaufonds ein Problem darstellen, und haben oft mit der SPD geführten Landesregierung und anderen Verantwortlichen darüber gesprochen. Konnte Sie Vereinfachungen erreichen? Oder waren es auf der anderen Seite immer wieder nur Versprechungen?

Das Versprechen war ja, schnell und unbürokratisch – Dieses Versprechen der Ministerpräsidentin ist natürlich nicht eingehalten worden. Denn schnell, haben wir nur in den ersten Wochen handeln können, als wir niemand gefragt haben, und unbürokratisch geht scheinbar in diesem Land noch nicht. Das gilt nicht nur für Rheinland-Pfalz, das gilt für die ganze Republik. Wir haben uns zusammengerauft und ich glaube, die Zusammenarbeit zwischen der Landesregierung und den Kommunen hat sich eingespielt, das geht gut. Aber die bürokratischen Hürden sind immer noch so, dass man sie als Hürden bezeichnen kann. Das gilt für den öffentlichen Wiederaufbau, genauso für den privaten und die Betriebe. Das ist für viele immer noch eine Herausforderung. Allein der Umstand, dass privat Betroffene nur digital Anträge stellen können, und im Prinzip nur mit einem Apparat kommunizieren können, bedeutet, man gibt etwas ein und bekommt nach Wochen erst eine Antwort. Das ist keine bürgerfreundliche Kommunikation, und das werden wir zukünftig ändern.

Was, glauben Sie, können Sie nun als gewählter Abgeordneter der CDU – Fraktion im Landtag für den Kreis erreichen? Welche Hoffnungen und Wünsche haben Sie?

Das ist zum Beispiel, dass man das ein oder andere deutlich entbürokratisiert. Bestimmte Dinge, die in NRW bei den gleichen bundesrechtlichen Vorgaben gehen, gehen in RLP nicht; die wollen wir gehend machen, und insbesondere für die Privaten und die Betriebe eine unmittelbare Kommunikation mit Sachbearbeitenden herstellen. Das kann schneller und unbürokratischer gehen.

Unabhängig davon bleibe ich Ansprechpartner meiner jetzigen noch Bürgermeisterkollegen und meines Nachfolgers, und wenn da etwas ist, was man auf dem kleinen Dienstweg befördern kann, werde ich das tun. Denn ich bin für diesen Wahlkreis gewählt und werde für den Wahlkreis die Interessen der Privaten, der Unternehmen und der öffentlichen Hand in Mainz vertreten.

Wie haben Sie die Flut persönlich, bzw. privat erlebt?

Ich war zu derzeit mit meiner Frau im Urlaub und am 14. Juli erreichten mich dann die ersten Telefonate. Ich bin dann sofort ohne meine Frau zurückgefahren und bin am Abend hier angekommen. Dann haben sich die Ereignisse, wie bei vielen Menschen überschlagen. Privat waren wir nicht mit unserem Gebäude betroffen, aber im Umfeld ja. Meine Schwester war betroffen, und ich habe 2 Tage lang nicht gewusst, ob meine Schwester noch lebt. Sie hatte ihr Handy in der Flut gelassen, aber Gott sei Dank nicht Ihr Leben. Es war schwierig für mich Feuerwehrleute von Einsätzen zurück kehren zu sehen und zu realisieren, das waren über wenige Stunde hinweg andere Menschen geworden. Und das hat sich fortgesetzt, wir sind andere Menschen geworden.

Hoffentlich Bessere?

Ja, weiß ich nicht, anders, hoffentlich Problem bewusster und konzentrieren uns vielleicht mal auf die Dinge, die wirklich wichtig sind. Manchmal habe ich im täglichen Geschäft den Eindruck, wir sind längst wieder in der Normalität einer egoistischen und teilweise egozentrischen Gesellschaft angekommen, jedenfalls in Teilen.

Welche Lehren sollte man für sich persönlich aus den Flutereignissen ziehen?

Wir müssen deutlich mehr in die Eigenverantwortung gehen. Wir sollten niemandem, insbesondere keinem Politiker trauen, der den Menschen glauben macht, dass der Staat, bzw. die Politik ihm jedes Problem löst. Für das persönliche Glück ist jeder selbst verantwortlich. In die Selbstverantwortung zu gehen heißt, wo ist mein persönlicher Beitrag, um mich und meine Familie zu schützen. Das sollte uns allen noch einmal bewusster werden. Es gibt keine absolute Sicherheit. Die gibt es nicht hier und auch sonst nirgendwo. Und wenn ein ähnliches Ereignis noch einmal käme, würden die Auswirkungen nicht anders sein, außer dass wir Leben retten können und schneller warnen können. Aber die Sachschäden werden die gleichen bleiben. 

Erinnern sie sich an eine lustige oder kuriose Geschichte in ihrer Amtszeit?

Ich hatte in der Anfangszeit meiner Bürgermeisterschaft Bürgersprechstunden eingeführt. Es kam ein Ehepaar und erzählte von ihrem großen Problem, dass der Metzger die Wurst mit der nackten Hand nimmt und einpackt. Mir war es nicht zum Lachen, denn auch die Sprechstunde ist ja steuerfinanzierte Arbeitszeit. Dem Ehepaar habe ich gesagt, dass es mir leidtue, aber dann müssten sie den Metzger wechseln. Aber ab diesem Zeitpunkt habe ich keine Bürgersprechstunden mehr gemacht. Denn ich habe gesagt, ok, wenn das die Probleme der Stadt sind, dann lass sie lieber draußen und kümmere dich um die echten, die die Menschen wirklich haben. Man muss irgendwo eine Grenze ziehen.  

Wir leben hier in einer wunderbaren Urlaubsregion, aber wo fährt Guido Orthen gerne in Urlaub hin?

Mein Lieblingsort ist Südtirol – ein kleines Dorf Namens Girlan, das liegt zwischen Bozen und Kaltern.  Und wenn ich Urlaub mache, dann sind es in aller Regel zwei bis drei Wochen.

Wie entspannt sich Guido Orthen?

Ich mach in aller Regel nicht mehr viel. Nach einem langen Arbeitstag schaue dann noch eine Stunde Fernsehen und dann falle ich müde ins Bett. Egal ob ich um 20 oder 22 Uhr Uhr nach Hause komme, ich brauche dann noch eine Stunde, um runterzukommen. Ich schaue zum Beispiel gerne Bares für Rares in der Mediathek, denn dabei muss man sich nämlich nicht aufregen. Talk oder Diskussionsrunden schaue ich überhaupt nicht – Aufregung ich genug. Gerne schaue ich noch Krimis.

Was hassen Sie, was lieben Sie?

Faulheit hasse ich. Lieber ein dummer Fleißiger als ein schlauer Fauler. Was liebe ich? Natürlich meine Familie.

Was schätzen und was verabscheuen Sie?

Ich schätze Fleiß, ich verabscheue Gewalttaten an Kindern bzw. an Schwächeren. 

In wie vielen Vereinen, sind Sie Mitglied? Haben Sie in der Zukunft noch genügend Zeit diese weiter zu begleiten?

Ich bin in bestimmt in 30 Vereinen Mitglied und konnte in der Vergangenheit schon wenig aktiv am Vereinsleben teilnehmen. Und das wird sich möglicherweise auch nicht ändern. Ich wollte immer singen. Ich bin Mitglied meines heimischen Gesangsvereins, aber dazu werde ich die nächsten 5 Jahre leider auch nicht kommen.

Was ist persönlich betrachtet, ihr schönster Ort im Ahrtal?

Die Landskrone, das ist unser Hausberg in Heimersheim. Die Heppinger nehmen ihn auch für sich in Anspruch, das ist auch ok. Jetzt steht auch das Kreuz Richtung Heppingen, früher stand das immer in Richtung Heimersheim, aber die Heppinger haben das irgendwann mal gedreht. Unbemerkt, aber anscheinend von allen akzeptiert.

Zurückgeblickt, welche Entscheidung würden Sie heute anders treffen?

So eine konkrete kann ich gar nicht nennen. Ich weiß natürlich, dass in der Fülle der Entscheidungen in der Nachschau betrachtet, auch viele nicht richtig waren. Sobald man das aber merkt, sollte man eine falsche Entscheidung korrigieren, wenn Sie noch korrigierbar ist. Das habe ich in aller Regel auch getan. Die Gelegenheit sollte man wahrnehmen. Politik und Entscheider dürfen Fehler machen. Die habe ich mir und den Mitarbeitenden zugestanden. Man muss aber seine Lehren ziehen.

Was war ihr größter Glücksmoment in den letzten 16 Jahren?

Mein Wahltag, als ich die Bürgermeisterwahl gewonnen hatte. Im ersten Durchgang bei 5 Gegenkandidaten. Das war schon ein Glücksmoment, zumal das mein Traumberuf war. 

Was wollten Sie als Kind von Beruf werden?

Polizist oder sehr, sehr bald – in jugendlichen Jahren schon – Politik.

Am 31. Juli werden Sie 60 Jahre jung, was wünschen Sie sich und planen Sie für Ihren 60. Geburtstag?

Ja es gibt den Plan, das ich morgens aufstehe, und den ganzen Tag für Gratulanten zur Verfügung stehe. Das Haus ist offen, aber ich werde zu meinem Geburtstag nicht einladen oder groß feiern. Ich habe schlicht weg einfach das Problem, wo fange ich an, wo hör ich auf. Und deshalb ist an diesem Freitag die Tür für alle offen.

Was ist ihr Lieblingsbuch – Lieblingsmusik?

Bei Musik bin ich vielseitig, ich liebe klassische, ernste Musik, gehe selten, aber furchtbar gerne in die Oper. Ich liebe auch Pop – Musik, Abba insbesondere, Phil Collins, Schlager, aber nicht die modernen, sondern Udo Jürgens also eher die Schlager aus meiner Kinder– und Jugendzeit.  

Lieblingsbuch – „Kinder der Freiheit“ von Ken Follet – ein Drei-Teiler als historischer Roman. Freiheit ist mein Lebensthema, Freiheit ist für mich viel wichtiger als Frieden. Weil ein Frieden ohne Freiheit kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde mich niemals unkritisch einer Staatsmacht unterordnen. Unterordnen im Sinne von, ich kann meine Meinung nicht mehr sagen. Ich hasse Diktatur und liebe die Demokratie und deshalb ist Ken Follet, mit „Kindern der Freiheit“ ein richtig gutes Werk.

Was ist Ihre Lieblingsspeise? … Und wer kocht Sie?

Ich esse gerne Düppches Kuchen. Den macht meine Frau sehr gut und ich esse gerne Rheinischen Sauerbraten.

Trinken Sie auch gerne mal ein Bier in dieser dominanten Weinregion?

Seit dem 15.Juli 2021 trinke ich nach 20-jähriger Abstinenz wieder Bier. Ich habe 20 Jahre lang kein Bier getrunken, weil ich es auch nicht vertragen habe, habe ich gedacht … und mit der Flut habe ich wieder das Bier trinken gelernt und vertrage es prächtig.

Gibt es in der Stadtverwaltung eine Person, die Ihnen in den letzten 16 Jahren besonders ans Herz gewachsen ist?

Ja, natürlich mein Vorzimmer – Frau Schell, das ist die gute Seele; die hält mir immer jeden (unnötigen) Ärger vom Hals und beißt dann zu, wenn mir die Zähne fehlen.

Herr Orthen, herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg in Mainz!

10 Quick Fragen – 10 schnelle Antworten:

Wir haben im Anschluss des Interviews beschlossen ein paar Schritte an die Luft zu gehen, um mit Guido Orthen unsere 10 Quick- Fragen aufzuzeichnen. Fragen wie, – eine Woche ohne Telefon oder ohne Süßigkeiten – Diese und neun weitere spontane Antworten finden Sie hier im Video:

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Weitere Informationen

Fotos: Aufmacherfoto am Schreibtisch – Martin Gausmann / Weitere Fotos: Sandra Fischer und Michaela Rietz und Privat

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